In den kommenden Zeilen möchte ich dich mitnehmen auf unsere Reise durch die Höhen und Tiefen einer künstlichen Befruchtung. Von den ersten Gedanken bis zum Ergebnis erkläre ich dir den Ablauf und teile meine Gedanken und Gefühle bei jedem Schritt. Es ist ein sehr persönlicher Weg, geprägt von Hoffnungen, Ängsten und unzähligen Fragen, auf die es oft keine klaren Antworten gibt. Vielleicht kann dir mein Einblick Orientierung geben, vielleicht findest du dich in manchen Momenten auch wieder. Doch in jedem Fall hoffe ich, dass meine Worte dir zeigen, dass du mit deinen Gedanken und Gefühlen nie alleine bist.
Die Tage nach der Eizellentnahme
Mein Körper erholt sich nur langsam. Er fordert seine Ruhe ein, möchte mehr Schlaf und scheut zu viel Bewegung. Geblutet habe ich nicht und auch das unangenehme Gefühl im Unterleib geht nach und nach zurück.
In guten Momenten erlaube ich mir zu hoffen, in schlechten bin ich voller Sorge. Immer wieder ertappe ich meine Gedanken dabei, wie sie in die Zukunft wandern und grübeln, wie es wohl weiter ginge, wenn es jetzt nicht klappt. Machen wir noch einen Versuch in Innsbruck? Bin ich bereit für eine Eizellspende? Bringt das bei meiner Schleimhaut überhaupt etwas?
Wenn ich mich ertappe, schaffe ich es oft, all diese sinnlosen Zukunftsgrübeleien wegzuschieben und zurück ins Hier und Jetzt zu kommen. Schließlich haben wir noch alle Chancen. Beide Eizellen könnten befruchtet werden und sich prächtig entwickeln – hier sollte mein Fokus sein. Und doch fällt es mir schwer, diesen Gedanken zuzulassen.
Ich habe Angst. Schlichtweg pure Angst. Was ist, wenn es nicht klappt? Was ist, wenn keine es schafft? Die Wahrscheinlichkeit, dass es funktioniert, ist so gering. Und selbst wenn es eine schafft, warten danach noch so viele Hürden auf uns. Dabei dem Vertrauen und der Hoffnung das Ruder zu überlassen, fällt wirklich schwer.
Mein Mann ist hingegen voller Zuversicht. Ihm fällt es leichter, positiv zu bleiben. Und er glaubt fest daran, dass es klappt – dass es eine Eizelle schafft, die in der nächsten Woche eingesetzt werden kann. Er ist mein Anker, in seinen Armen ist alles gut. Ich bin so dankbar für ihn und unsere Liebe. Komme, was wolle, zumindest haben wir immer uns!
Der Anruf der Biologin
Schon am frühen Freitagmorgen kommt der versprochene Anruf der Biologin. Doch was ist das im Klang ihrer Stimme? Oje, sicher hat sie schlechte Nachrichten …
Doch weit gefehlt. Gute Nachrichten hat sie – eine Eizelle konnte sich befruchten, bei der anderen sind sie noch nicht sicher. Dienstag um 12:45 Uhr sollen wir uns auf der Station zum Transfer einfinden. Mir fällt ein Stein vom Herzen und die Tränen kommen von ganz allein.
Natürlich kann bis Dienstag noch viel passieren. Doch wieder ist ein Schritt gemacht. Wieder geht es ein bisschen weiter. Wieder dürfen wir fest weiter hoffen.
Und endlich erlaube auch ich mir, der Hoffnung wirklich ihren Raum zu geben. Wenn auch noch ein wenig zögerlich, doch was habe ich zu verlieren? Mit Hoffnung fühlt sich tatsächlich alles etwas leichter an, besser, ja fast sogar fröhlich. Die schlechten Nachrichten finden ohnehin ihren Weg, aber bis dahin darf es sich zumindest gut anfühlen. Die Angst schleicht sich dann schon früh genug wieder ein.
Und so war es auch: schon in der Nacht von Sonntag auf Montag habe ich sehr unruhig geschlafen. Am Montagmorgen hat die Nervosität dann ihren Höhepunkt erreicht – „bitte lass mein Telefon nicht klingeln“ ist alles, woran ich denken kann. Denn melden würden sie sich nur, wenn sich die Eizelle nicht weiterentwickelt hätte und unser Transfertermin abgesagt werden muss.
Doch vorerst bleibt das Telefon ruhig und mit jeder Minute, die nach der Uhrzeit vergeht, zu der ich am Freitag angerufen wurde, werde ich ein wenig ruhiger. Immer mal wieder ein tiefer Atemzug hilft mir, die Anspannung zumindest für ein paar Momente etwas weniger zu spüren. Doch verschwinden will sie nicht. Die Angst ist viel zu stark.
Der Tag des Transfers
Heute ist der 17. Zyklustag und unsere kleine Blastozyste sollte jetzt 5 Tage alt sein.
Wieder bin ich am Morgen ziemlich angespannt, wenn auch etwas weniger als gestern. Mit der Zeit legt es sich zum Glück und die viele Arbeit lenkt mich ein wenig ab.
Um 12:45 Uhr sollen wir in Bruneck sein. Ich bin die Erste und die Schwester führt mich ins Zimmer und erklärt mir ruhig den Ablauf. Zu zweit werden wir heute sein. Um 13:00 Uhr geht es los, Fragen stellen können wir während des Eingriffs beim Arzt, anschließend können wir uns 30–60 Minuten ausruhen, ganz nach unserem Gefühl, und dann dürfen wir selbstständig gehen, sobald es sich für uns gut anfühlt.
Erst als ich es mir im Bett gemütlich mache, merke ich, dass es das gleiche Zimmer ist wie bei der Eizellentnahme am Donnerstag und sogar das gleiche Bett – ein kleines Stück Vertrautheit in diesem doch recht befremdlichen und „kühlen“ Prozess.
Es dauert nicht lang, dann kommt die zweite Frau, die heute zum Transfer hier ist. Für sie ist es das erste Mal und sie hoffen fest, auf ein zweites Kind.
Für den Transfer wird man gebeten mit voller Blase zu kommen, da die Ärzte dann wohl beim Einsetzen alles etwas besser sehen können. Beim letzten Mal bin ich fast geplatzt, so voll war sie. Heute geht es zum Glück etwas besser. Etwa 2 Stunden vorher war ich zuletzt auf dem Klo.
Inzwischen bin ich recht ruhig, denn ich weiß ungefähr, was auf mich zu kommt und die Schwester hat uns gut vorbereitet. Im Moment freue ich mich einfach nur und bin unendlich dankbar, unser „Baby“ jetzt nach Hause holen zu dürfen. Ich schließe die Augen und versuche, mich mit dem kleinen Wesen zu verbinden, mir vorzustellen, es in Empfang zu nehmen …
Doch es dauert nicht lang, dann geht es los. Ich werde mit dem Bett rüber in den anderen Bereich geschoben und gleich ist auch die Biologin da, die mich abholt, um mit mir zu Fuß in den Raum zu gehen, wo der Transfer durchgeführt wird.
Sogleich teilt sie ein weiteres Wunder mit mir – beide Eizellen haben sich befruchtet, die zweite konnten sie einfrieren – meine Stille Hoffnung wird wahr. Zwar hat sich die zweite Eizelle langsamer entwickelt und ist damit in ihrer Qualitätseinschätzung niedriger als die erste, aber schließlich haben sie sie als ausreichend gut eingeschätzt, um sie einzufrieren.
Was für ein riesiges Glück, ich kann es kaum glauben!
„Immer mal wieder ein tiefer Atemzug hilft mir, die Anspannung zumindest für ein paar Momente etwas weniger zu spüren. Doch verschwinden will sie nicht. Die Angst ist viel zu stark.“
In dem Raum wartet die freundliche Ärztin, die wir bereits recht gut kennen und die stets positiv gestimmt ist. Insgesamt sind sie zu dritt: die Ärztin führt den Transfer durch, eine Assistentin sorgt über den Ultraschall am Bauch dafür, dass alles gut zu sehen ist, und die Biologin ist für die Eizelle zuständig.
Alles läuft so gut, doch dann geht es plötzlich nicht weiter. Was ist da bloß los? Die Ärztin kommt einfach nicht durch. Bis zu einem gewissen Punkt geht es problemlos, danach ist Schluss. Sicherheitshalber bringt die Biologin die Eizelle zurück in den Inkubator und die Ärztin versucht „leer“ ihren Weg zu finden.
Dann klappt es und es fühlt sich so an, als würde sich niemand mehr bewegen, während die Biologin die Eizelle zurück holt. Ich traue mich kaum zu atmen und jeder Muskel ist angespannt. Tatsächlich machen sie Scherze, dass ich morgen sicher Muskelkater haben werde – zumindest aber für einen guten Zweck.
Die Stimmung ist unbeschwert und sie geben mir Vertrauen uns Zuversicht. Die Ärztin strahlt absolute Ruhe aus und nimmt mir alle Angst, dass das jetzt irgendetwas am Ausgang beeinflussen könnte. Beim nächsten Versuch klappt es sofort.
Noch während ich auf der speziellen Liege bin, übergibt mir die Ärztin ein Schreiben mit Informationen über den Eingriff und worauf ich jetzt achten sollte, ein Protokoll der Eizellen und die Verschreibung für den Bluttest mit konkretem Datum.
Schon in 8 Tagen werde ich den Test machen, nicht wie beim letzten Mal erst in 2 Wochen. Wie mir erklärt wird, spritzen die Frauen beim Transfer einer zuvor eingefrorenen Eizelle am Abend des Transfers erneut ein Medikament (Gonasi), das bei einem zu frühen Test falsch positive Ergebnisse anzeigen kann. In einem „frischen Zyklus“ spritzt man dieses Medikament allerdings zuletzt vor der Eizellentnahme, weshalb ein früherer Test möglich ist.
Ich bin auf jeden Fall sehr dankbar für die verkürzte Wartezeit!
Es ist Zeit aufzustehen – mit der Eizelle „an Bord“ – und zurück zum Bett zu spazieren. Jeden Schritt setze ich ganz vorsichtig und bedacht, froh mich gleich ins Bett „retten“ zu können. In den ersten Momenten habe ich Angst mich zu bewegen und spüre jedes noch so zarte Anstoßen des Bettes auf dem Weg zurück ins Zimmer als tiefste Erschütterung meines Körpers. Auch auf die Toilette möchte ich auf keinen Fall gehen, aus Angst sie wieder auszuspülen. Natürlich ist das nicht möglich, aber es bleibt ein sehr komisches Gefühl.
Lieber liege ich ganz ruhig (und sogar recht entspannt) im Bett und tausche mich mit der anderen Frau über unsere Geschichten und Erfahrungen aus. Als die Stunde fast um ist, gehe ich sogar etwas früher – aber stets mit sehr vorsichtigen und langsamen Bewegungen.
Heute bin ich bedeutend gelassener als beim letzten Versuch und freue mich einfach nur zurück zu meinem Mann und unserem Hund zu kommen, die beide auf mich warten.
Auf dem Weg zurück genießen wir noch ein gemütliches Mittagessen in der Sonne, zu Hause übermannt mich dann die Müdigkeit und ich gönne mir für den Rest des Tages reichlich Ruhe im Bett.
Ich bin voller Freude und Zuversicht.
Die nächste Phase beginnt …
Die Tage danach
Schnell fühlt sich alles natürlich an und ich habe keine Angst mehr vor normalen Bewegungen. Dennoch lasse ich es erstmal sehr ruhig angehen, vermeide alles Unnötige und mein Mann nimmt mir viel ab. Auch auf Yoga verzichte ich in der ersten Zeit.
Vom Krankenhaus wird empfohlen, möglichst wärmende Mahlzeiten zu sich zu nehmen, auf frisch vergorene Milchprodukte wie Joghurt weitestgehend zu verzichten und Lebensmittel wie Fisch, Bohnen, Linsen und Erbsen zu sich zu nehmen, da diese die Nierenenergie stärken und damit die Einnistung und die Entwicklung des Embryos fördern.
Die Östrogen- und Progesteronpräparate und auch die Heparin-Spritze nehme ich in dieser Zeit durchgehend weiter.
Beschwerden habe ich zum Glück keine. Doch auch sonst spüre ich sehr wenig.
Und trotzdem ich weiß, dass all die Hormonpräparate ohnehin kein sinnvolles Urteil über jegliche Körperempfindungen zulassen, wandern meine Gedanken immer wieder dorthin. Ist das ein Zwicken im Unterleib? Spüre ich meine Brüste? Bin ich müde, weil ich in den letzten Tagen so schlecht schlafe oder benötigt mein Körper die Energie?
Ich weiß, dass es nichts bringt, und auch, dass alles möglich ist, ist mir bewusst. Und doch hoffe ich immer wieder auf ein Zeichen, irgendetwas noch so kleines, dass mir ein wenig Zuversicht schenkt.
Immer wieder kann ich mich gut auffangen, mir selbst gut zureden, positive Gedanken heraufbeschwören, denn mir ist bewusst, dass es mir so viel besser geht und es einfach nichts bringt, schon jetzt mit den schweren Gefühlen zu leben und mich von ihnen herunterziehen zu lassen.
Und mindestens genauso oft, kommt die Stimme hervor, die mir sagt, dass es vermutlich nicht geklappt hat, dass die Wahrscheinlichkeit so minimal ist, dass die Schleimhaut viel zu niedrig ist …
Ein ewiges Auf und Ab. Eine dauerhafte Achterbahnfahrt der Gefühle. Ein ständiger Kampf zwischen den Stimmen von Engelchen und Teufelchen. Und alles, was ich tun kann, ist warten. Und fest hoffen.
Am Anfang bin ich noch gut abgelenkt, doch mit der Zeit wird die Stimme der Hoffnungslosigkeit immer lauter. Am schlimmsten ist es am Tag vor dem Test – die Zuversicht ist jetzt wirklich nur noch ein schmaler Schatten ihrer selbst.
Morgen hat alles ein Ende, morgen wissen wir endlich mehr.
Der alles entscheidende Test
Heute ist der 25. Zyklustag und der alles entscheidende Tag.
Überraschenderweise wache ich heute etwas gelassener auf. Und sogar mit etwas Zuversicht. Da zeigt sich wieder, wie schnell sich alles ändern kann. Und wie wenig Einfluss ich auf meine Gefühle und Emotionen habe.
Was auch immer werden wird, die Hoffnung tut mir auf jeden Fall gut und lässt mich den Vormittag mit etwas mehr Gelassenheit verbringen.
Je näher der Moment kommt, in dem das Ergebnis so langsam da sein müsste, desto unruhiger werde ich aber. Das Herz klopft immer mehr, die Aufregung steigt und immer wieder kontrolliere ich meinen E-Mail-Eingang.
„Ein ewiges Auf und Ab. Eine dauerhafte Achterbahnfahrt der Gefühle. Ein ständiger Kampf zwischen Hoffnung und Angst. Und alles, was ich tun kann, ist warten. Und fest hoffen.“
Und dann ist das Ergebnis da. Ich rufe meinen Mann. Das Herz klopft bis zum Hals. Die Hände zittern. Wir öffnen das Dokument und das Ergebnis ist … negativ.
Wieder sollte es also nicht sein. Ich fühle mich benommen und leer.
Mein Mann überlegt, was er besser hätte machen können. Immer auf der Suche nach einem Grund, nach einer Erklärung, nach einer Möglichkeit irgendetwas zu tun. Aber er hätte nichts besser machen können. Und ich auch nicht. Wir haben alles gegeben. Alles so gut gemacht, wie es für uns möglich war. Mehr hätten wir nicht tun können.
Das Ergebnis können wir nicht beeinflussen. Jetzt lassen wir es erstmal sacken, geben den Gefühlen Raum, besinnen uns auf all das Schöne, was bereits in unserem Leben ist, und halten einander fest. Denn was bleibt, sind immer wir. Und das ist unser größtes Glück.
Wie es jetzt weiter geht
Es dauert nicht lang, dann kommt der Rückruf von der Kinderwunschambulanz in Bruneck. Mitfühlend bestätigt die Schwester das Ergebnis, teilt mir mit, dass ich die Medikamente absetzen kann und sagt, dass die Regelblutung innerhalb von einer Woche beginnen sollte.
Und sie informiert mich, wie es weitergehen könnte, wenn wir das möchten und sobald wir dazu bereit sind. Denn eine Eizelle haben wir ja noch.
Der jetzt bevorstehende Zyklus wird auf jeden Fall ausgesetzt. Bereits im Zyklus darauf könnten wir jedoch einen neuen Versuch wagen. Dazu benötigen sie lediglich erneut die unterschriebenen Einverständniserklärungen (etwa 2 Wochen vor Zyklusbeginn), damit die Ärzte einen neuen Stimulationsplan erstellen können.
Wie es für uns dann tatsächlich weiter gehen soll, wissen wir heute noch nicht. Versuchen werden wir es auf jeden Fall. Nicht im nächsten Zyklus, aber vielleicht im übernächsten.
Denn erstmal möchten wir in den Urlaub fahren. Für ein paar Wochen alles hinter uns lassen, die Zeit genießen, unbeschwert sein. Nur wir zwei und unser Hund.
Danach wird sich zeigen, was kommen soll.
🧡 Möchtest du deine Geschichte teilen? 🧡
Wir wissen, wie viel Mut es erfordert, deine eigenen Erfahrungen mit anderen zu teilen.
Wir wissen aber auch, wie gut es tun kann, wie befreiend es sein kann und wie sehr du anderen damit helfen kannst.
Ob öffentlich oder anonym, als Video, Interview oder selbst geschriebene Geschichte – wenn du das Gefühl hast, es ist an der Zeit, deine Geschichte zu teilen, dann melde dich bei uns, und wir finden ganz sicher einen Weg, der gut zu dir passt und mit dem du dich wohl fühlst.
💌 Raum zum Austausch bietet unser Forum 💌
Hier findest du einen geschützten Raum zum Fragen stellen, zum Mut machen und auch zum Dampf ablassen. Werde Teil unserer Community und finde Menschen, die dich wirklich verstehen.
