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Ein ehrlicher Gastbeitrag über unerfüllten Kinderwunsch

Ich habe sie gehasst diese Artikel und Blogeinträge, in denen Frauen erzählen, wie sie versucht haben durch künstliche Befruchtung schwanger zu werden, denn sie enden doch alle gleich: mit einem Happy End.

Schon seit zwei Jahren versuchen wir es mit künstlicher Befruchtung. Ich erinnere mich noch an den Anfang, ich war so voller Hoffnung und die Ärztinnen und Ärzte waren zuversichtlich, dass es bald klappen wird. Ich war 27 Jahre alt, meine Gebärmutter und alle Blutwerte sahen gut aus, kein Grund zur Sorge also. Dann ging es los, die ersten Untersuchungen, die ersten Hormonspritzen und Tabletten damit meine Eierstöcke möglichst viele Eizellen produzieren, dann die OP, bei der die gereiften Eizellen entnommen werden. Die gewonnenen Eizellen wurden dann im Labor mit den Spermien befruchtet und nach einigen Tagen konnte der erste Embryo wieder in die Gebärmutter eingesetzt werden. Die restlichen Embryonen wurden inzwischen kryokonserviert, also eingefroren und werden erst wieder aufgetaut, sobald sie gebraucht werden. Zwei Wochen danach wurde dann der HCG-Wert im Blut ermittelt, um eine eventuelle Schwangerschaft festzustellen, aber Fehlalarm, der Test war negativ. Ich erinnere mich noch an den Schmerz und an die Tränen, als wäre es gestern erst gewesen. Aber da war ja noch die Hoffnung. Wir hatten schließlich gewusst, dass es nicht beim ersten Mal gleich klappen musste und waren uns sicher, dass der nächste Versuch erfolgreich sein würde. Aber auch beim nächsten und übernächsten und überübernächsten Versuch blieb das Ergebnis dasselbe: Nicht schwanger.

Mit jedem gescheiterten Versuch, mit jedem Embryo, der sich wieder nicht eingenistet hatte, wurde es schlimmer. Die Wut, die Trauer, die Angst wurden immer größer. Ich entwickelte eine tiefe Abneigung gegen meinen Körper, der nicht einmal das Normalste auf der Welt konnte, das was doch eigentlich jeder Frauenkörper kann, das wofür er doch gemacht ist, dachte ich. Ich merkte irgendwann, dass es so nicht weiter gehen konnte, meine Gedanken kreisten nur um das eine Thema, überall sah ich Schwangere und Babys und Kinderwägen. Irgendwann war der Leidensdruck so groß, dass ich mir psychologische Hilfe suchte. Die Psychotherapie bei der Familienberatungsstelle KOLBE war mein Rettungsanker in der Not. Endlich konnte ich mir alles von der Seele reden, denn außer meinem Mann, seinem besten Freund und meiner Schwester wusste ja niemand von der Kinderwunschbehandlung. Ich hatte Angst vor den Erwartungen, Fragen und Blicken der anderen und noch dazu spricht man doch über sowas nicht, oder? Die Therapie hat mir geholfen Worte zu finden, meiner Geschichte einen Namen zu geben und sie auch meiner Familie und ein paar lieben Freuden und Freundinnen zu erzählen. All der Schmerz war dann zwar immer noch da, aber ich lernte irgendwie damit umzugehen, lernte auch wieder das Gute zu sehen, die vielen schönen und guten Dinge in meinem Leben wertzuschätzen und den Blick wieder zu weiten. Plötzlich konnte ich wieder dankbar sein für mein Leben, meinen Beruf, in dem ich voll aufgehe, meinen Ehemann, den ich so sehr liebe, meine Freunde und Freundinnen, meine Familie und auch meinen Körper.

Dann endlich bei Versuch Nummer fünf war der Test positiv. Das war einer der glücklichsten Tage meines Lebens, ich schwebte wie auf Wolken. Mein Mann weinte vor Freude, endlich schienen all unsere Träume in Erfüllung zu gehen. Beim ersten Ultraschall in der siebten Schwangerschaftswoche erfuhren wir, dass sich unser Embryo geteilt hatte und ich also mit eineiigen Zwillingen schwanger war. Die Ärztin war darüber nicht so erfreut wie wir, da bei eineiigen Zwillingen das Risiko ziemlich hoch ist, dass sich nur eines oder keines der Babys gut weiterentwickelt. Das Risiko war mir bewusst und dennoch war ich überglücklich. Es fühlte sich an, als wäre das endlich die Antwort auf all die Fragen, all die Warums und all die Zweifel, all den Schmerz der letzten Jahre. Nur zehn Tage später schienen die Sorgen um die Zwillingsschwangerschaft wie weggeblasen, deutlich war am Ultraschall zu erkennen, wie die zwei kleinen Herzen kräftig schlugen. Ich war so glücklich und so stolz, endlich dazuzugehören, endlich schwanger zu sein und endlich Mama zu werden. Ich bekam einen Mutterpass, Tabletten gegen die Schwangerschaftsübelkeit und ich malte mir unser Leben mit den Zwillingen in den schönsten Farben aus.

In der zehnten Woche stand die nächste Ultraschalluntersuchung an, mein Mann und ich freuten uns so unsere Zwillinge wieder zu sehen, zu sehen wie sie gewachsen sind, wie ihre Herzen schlagen. Als der Arzt mit dem Ultraschall begann merkte ich sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. „Ich habe leider keine guten Nachrichten für Sie“ höre ich ihn noch sagen, wie im Film, als würde ich dabei nur zuschauen, als ginge es gar nicht um mich und um meine Babys. Und alles, was ich dachte war: „Nein, nein, bitte nicht, das darf noch nicht vorbei sein, bitte, bitte, nicht“. Doch es war vorbei, die zwei kleinen Herzen, hatten aufgehört zu schlagen. Da war er wieder, all der Schmerz, all die Wut, all die Trauer und die blöde Frage nach dem Warum, auf die am Ende niemand eine Antwort hat. Wir entschieden uns für die medikamentöse Einleitung der Fehlgeburt anstatt der operativen Entfernung der Schwangerschaft. Die ersten Tage nach der Diagnose „Missed Abortion“ verschwimmen in meiner Erinnerung, ich habe nur geweint, bis ich abends müde und mit Kopfschmerzen vom ganzen Weinen ins Bett fiel, um ein paar Stunden zu schlafen. Sobald ich nachts aufgewacht bin, habe ich wieder geweint. Ich hatte Alpträume und war so wütend auf Gott, auf die Welt, auf mich, eigentlich auf alles und jeden. Bald setzte die Blutung ein und mein Körper stieß das, was vorher unsere Babys, unsere Zwillinge, unsere Zukunft war, in Form von Schleim, Blut und Geweberesten wieder aus. Ich hatte starke Krämpfe, wie bei einer „kleinen Geburt“. Unsere Zwillinge landeten im Klo, da war nichts, was man hätte beerdigen können, nichts war mir mehr geblieben. Der körperliche Schmerz verging nach einigen Tagen, die Fragen nach dem Warum und das seelische Leid blieb.

Und jetzt sitze ich hier zwei Jahre, drei OPs in Vollnarkose, hunderte Hormonspritzen, etliche Ultraschalluntersuchungen, dutzende Blutabnahmen, fünf Embryonentransfers und eine Fehlgeburt später und meine Gebärmutter ist noch genauso leer wie zu Beginn. Die Zeit vergeht, meine Freundinnen werden schwanger, haben ein Kind, noch eins, manche auch noch ein drittes. Ich freue mich für sie, verberge den Schmerz, verberge die Wut und die Eifersucht. Wenn ich am Straßenrand auf dem Weg zur Arbeit die Mamis mit ihren Kinderwägen sehe, zieht sich mein Magen krampfartig zusammen. Wenn wieder eine Freundin ihre Schwangerschaft verkündet, weine ich mich abends in den Schlaf. Ich war immer schon die, die gut mit Kindern kann, hab immer schon von einer großen Familie geträumt, wusste immer schon, dass ich einmal Mama werden möchte. Manchmal frage ich mich, was ich dann bin, wer ich dann eigentlich bin, wenn ich keine Mama werde. Bin ich irgendwann die alte kinderlose Tante, die mit ihren Nichten und Neffen schöne Ausflüge macht? Bin ich die Karrierefrau, die nur arbeitet? Oder die verrückte Katzen-Lady, die in ihrem sozialen Engagement aufgeht?

Ich weiß noch nicht, wer ich sein werde oder wohin mein Weg mich führt, ich weiß noch nicht, wie es weiter geht, ob mein großer Traum irgendwann Wirklichkeit werden wird. Ich weiß nicht, wie das Ende unserer Geschichte ausschauen wird, bisher sind wir nur unterwegs. Ja wir sind unterwegs und sobald etwas Zeit vergangen ist, der Schmerz etwas nachlässt und ich wieder alle meine Kräfte gesammelt habe, schaffe ich es wieder voll Hoffnung zu sein und voll Zuversicht, dass wir eines Tages eine kleine Familie sein werden, irgendwie und irgendwann. Und dann schaffe ich es auch wieder dankbar zu sein für diesen Weg, den wir bisher gegangen sind, dankbar für das, was er aus mir und was er aus uns gemacht hat, dankbar für unsere Zwillinge, die ich jeden Tag vermisse, dankbar, dass sie da waren, dass ich ihre Mama sein durfte, dankbar für dieses kurze Glück und für all die Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren gemacht haben.

Vielleicht wird es kein Happy End geben, so ist das Leben eben nicht. Auch wenn es uns die moderne Welt so vorgaukelt, wir können nicht alles selbst entscheiden, haben nicht alles selbst in der Hand. Man kann nicht alles erreichen, wenn man es nur genug versucht. Die Dinge, auf die es im Leben wirklich ankommt, lassen sich nicht selbst herstellen, sie bleiben ein Geheimnis, ein Geschenk, ein Wunder. Und ich warte und hoffe weiter auf meines. Vielleicht gibt es in dieser Geschichte kein Happy End. Und manchmal denke ich vielleicht, ganz vielleicht ist das auch okay so.

Anna Gläserer


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